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Auch Robinson Crusoe war Bergsteiger Die wilden Inseln des chilenischen Juan Fernandez Archipels Von Michael Vogeley
und Ingrid Ferschoth-Vogeley für AlpOnline Wenn ein extremer Expeditionsreisender wie Michael Vogeley seiner Frau Ingrid zuliebe wandert, dann muss es schon etwas besonderes sein. Mit Entdeckungsgeist, Ungewissheit und Exotik sollte das Trekkingziel schon gewürzt sein. Die beiden Abenteuerfreaks erlebten eine Robinsonade der besonderen Art: die Fels-, Wasser- und Urwaldwildnis der Juan Fernández-Inseln vor den Küsten Chiles mitten im Pazifik.
Weltberühmte Einsamkeit S eit 1966 trägt Más a Tierra den Namen Isla Robinson Crusoe - vor allem dem Tourismus zuliebe. Bekannter hat es sie kaum gemacht, und die Informationen sind nach wie vor dürftig und widersprüchlich. Erschlossen ist die Buschwildnis aus kaum zugänglichem und zerfurchtem Bergland an nur wenigen Stellen. Das macht den Bergsteiger neugierig - und kreativ. Wo auf der Welt gibt es so etwas noch?
Nur wenige Schiffe laufen die Insel an. Heute führt nur ein vernünftiger Weg zur Isla Juan Fernández: per Flugzeug. Siebenhundert Kilometer und dreieinhalbe Flugstunden sind es von Santiagos verträumtem Stadtflughafen Los Cerillos. Als wir dort am Morgen mit der kleinen Turboprop abheben, sind acht Personen an Bord: vier Touristen, zwei Einheimische und zwei Piloten. Der Rest der Kabine ist mit Gepäck vollgestopft- auch mit unseren Rucksäcken. S elkirks Ausrüstung war gegen unser modernes Material bescheiden. Außer Kleidung und Bettzeug hatte er eine Flinte mit Pulver und Kugeln, Tabak, ein Beil, ein Messer, einen Kessel, die Bibel und seine nautischen Geräte. Wenig genug für das Überleben auf einem abgeschiedenen Eiland. Er hatte die vage Hoffnung, eines Tages von Piraten, welche die Insel als Unterschlupf nutzten, aus seiner Einsamkeit erlöst und an Bord genommen zu werden. Wir haben ein Rückflugticket in der Tasche und den unsicheren Flugplan im Kopf. D er Flug über die Weite des Pazifiks vermittelt ein eindrucksvolles Gefühl für die Abgeschiedenheit der Insel. - für drei Stunden nichts als blauer Himmel vor uns und dunkles Wasser unter uns. Auf der schmalen Landepiste - eher eine staubige Landstraße in Form einer überdimensionalen Sprungschanze, die unmittelbar aus dem Meer zu zwei erloschenen Vulkanen mit einem tiefen Einschnitt führt - landen die Piloten bravourös. Karge Hügel und roter Sand dominieren diesen trockenen und bis auf den winzigen Flughafen mit seinen wenigen Wellblechhütten unbewohnten Teil der Insel. Die Gegend gleicht einer Wüste, überragt wird sie von dem atemberaubend grünen und fast tausend Meter steil aufragenden El Yunque. Flankiert vom formschönen La Pirámide ist er der höchste Berg. Mit ziemlicher Sicherheit ist wegen des undurchdringlichen Urwalds und trotz der bescheidenen Höhen noch keiner von beiden bestiegen. D ie einzige Siedlung liegt auf der anderen Inselseite. Der kürzeste Weg dorthin führt per Schiff - außen herum. Zwei Stunden tanzt das offene Fischerboot über die hohe Dünung. Wir haben uns auf den Planken ausgestreckt und beobachten das Zick-Zack der Fliegenden Fische im klaren Wasser. Fette Seelöwen sonnen sich auf Felsen oder strecken schnaubend ihre Nasen aus den Fluten. Unverständlich, dass Selkirk diese possierlichen Gesellen für Seeungeheuer hielt, deren "Gesang ihn in Angst und Schrecken versetzte". Robinsons Biwak
Dass wir die Insel durchwandern und auf eigene Faust erkunden wollen, registriert der Ranger der CONAF Corporación Nacional Forestal in San Juan Bautista mit Skepsis. Die Tour sei schwierig, warnt er, der Pfad kaum begangen und gefährlich. Während man mit dem Schiff nur zwanzig Minuten brauche, müssten wir uns zu Fuß über den Berg auf eine stramme Tagestour gefasst machen. Seit zwei Stunden steigen wir mit schweren Rucksäcken vom kleinen Ort auf, die bunten Häuser und die schaukelnden Boote im Blick. Der noch gut erkennbare Steig leitet durch sattgrünen Wald. Wir kriechen unter regenschirmgroße Farne hindurch. Picaflores, die bunten Kolibris, stürzen sich geschäftig aus dem stacheligem Gebüsch, schwirren über weiße und rote Blüten, schwingen sich in die Höhe und überfliegen schwerelos die Wipfel. Durch üppiges Grün blinkt silbrig das windbewegte Meer. Allmählich verkleinert sich das Dorf. Eines der fünf Autos zieht eine Staubwolke hinter sich her. Fünf Autos für 600 Einwohner. W ir stehen auf dem Kamm und lassen die Rucksäcke in das schüttere, windzerzauste Gras fallen. Drunten, schwindelerregend tief, die Bucht Puerto Inglés. Wahrhaftig atemberaubend ist der Blick über die steil abfallenden Klippen in die Bucht Robinsons. Der steile Abstieg ist pfadlos und glatt wie ein Firnhang. Wir scheinen zwischen Himmel und Meer zu hängen, überwinden rutschend die Felsabbrüche und haben Mühe mit den schweren Rucksäcken. Stunden vergehen, bis wir den Talboden erreichen und auch den sprudelnden Bach, dem wir auf einem schmalen Mulipfad zur Bucht folgen. Und diesen "Weg" hat Selkirk gämsengleich fast täglich gemacht? Immer wieder war er zum Mirador hinaufgeklettert, um Ausschau nach einem Schiff zu halten. Der Schotte kannte alle Pfade in den Bergen. Er "schwang sich von Grat zu Grat und die fürchterlichsten Abgründe hinab". Doch seine Geschicklichkeit bewahrte ihn nicht davor, einmal abzustürzen und tagelang verletzt am Strand zu liegen. Bergsteigerlos. I m Talgrund mit seinem murmelnden Bach wird uns der Traum von einer Übernachtung à la Robinson jäh genommen. Einheimische Jäger haben die Höhle okkupiert. Holzpfähle und eine Gedenktafel markieren den Eingang. Im Inneren schmückt ein Ziegenfell die Wand. Schlafsäcke liegen auf dem lehmigen Boden, ein Kocher surrt. Dickläufige Schrotflinten lehnen an den Wänden. Wir schlagen unser kleines Zelt auf. Ein Bergsteigeressen der etwas anderen Art
Die Berge der Insel sind ein Weltkulturerbe Wild und unerschlossen ist das Innere. Das Transportmittel der Insulaner sind Maultiere. Wir folgen ihren Spuren. Dichte Brombeerranken und die Dornen der Macchia kratzen an Hosen und Rucksäcken. Der Eukalyptus-Wald riecht gesund. Kaum, dass wir den Grat des überwucherten Bergrückens erreichen, suchen wir wie Selkirk unwillkürlich den Horizont nach Schiffen ab. Die Aussicht ist spektakulär. Bis zum Horizont wogt eine weite, schäumende See. Steil fallen Klippen ins Meer ab, haushohe Wellen brechen sich am Fels. Kühn steilen die üppig bewachsenen Gipfel in den Himmel. G eblendet von der tiefstehenden Nachmittagssonne setzen wir die Rucksäcke in einer golden leuchtenden Wiese ab. Lange Gräser wiegen sich sanft im Meereswind. Im Gegenlicht zeichnen sich die Konturen einer einsamen Hütte der CONAF über der Bahía Villagra ab. Wir schlagen das Zelt hinter einem windgeschützten Hang auf, schöpfen aus einem tröpfelndem Bach mooriges, aber sauberes Wasser und sammeln trockenes Holz für ein Feuer, das bald prasselnd brennt. Die sinkende Sonne taucht Berge und Meer in warmes Licht. Frischer Wind treibt uns an das flackernde Feuer vor dem Zelt. Schnell kommt die Nacht. Ein silbriger Mond steigt hell, klar und voll zwischen den spektakulären Bergen auf. Ein Robinson schlummert in jedem von uns Höher klettert der Mond und meißelt den eindrucksvollen El Yunque in eine schwarze Pyramide. Sein Gipfel, obwohl nur knapp tausend Meter hoch, ist so steil, dass die biologische Natur dort oben fast unerforscht ist. Yunquea, eine riesige Pflanze, die ihn bedeckt, ist der eindrucksvollste Vertreter von zwei Dutzend Arten endemischer Flora. D er Pfad zum Flughafen ist nicht zu verfehlen. Die alte Piste schlängelt sich hoch oben an den braunen Steilabbrüchen der Südküste entlang. Hier herrscht die Wüste. Die fast täglich anrollenden Regenwolken werden von den Gebirgen im Norden abgefangen. Die Brise vom Meer kühlt die brennende Haut, die tropische Sonne sticht fast senkrecht herunter. Ameisenbären flüchten über die steilen Hänge, wilde Karnickel vollführen wahre Bocksprünge und irgendwo meckert eine Wildziege. Wellenförmig, trocken und karg dehnt sich die savannenartige Landschaft bis zu den steilen Ufern. Wuchsen hier die berühmten Sandelholzwälder, deren Duft die Insel einst erfüllte? War ihr Kahlschlag der Grund für die Versteppung dieses Inselteils? E ine Bö vom nahen Pazifik wirbelt am "Flughafen" Staubfahnen auf. Wir sitzen auf unseren Rucksäcken in der Sonne, in der Ferne ragen die grünen Steilhänge des El Yunque in den blauen Himmel. Das "Naturerbe der Menschheit" hat gute Chancen, ein Paradies zu bleiben. Selkirk hatte die Zeit auf der Insel nur durch übermenschliche Anstrengung überstanden, getrieben von der Hoffnung gerettet zu werden. Wir hätten nichts dagegen, noch zu bleiben. Aber schon hören wir das Summen die Motoren des kleinen Flugzeugs. Gleich wird die Maschine windgebeutelt auf der staubigen Piste landen, auftanken und wieder starten. Mit uns. Kurs Festland. Weltkulturerbe Juan Fernandez V or
25 Jahren verabschiedete die Unesco, die Internationale
Konvention für das Kultur- und Naturerbe der Menschheit,
eine Art Schutzbrief für besonders schützenswerte Denkmäler
der Erde. Die Liste umfasst 500 Landmarks, unter ihnen so
bekannte wie das Taj Mahal oder Versailles, die Galapagos-Inseln
und der Grand Canyon, aber auch den Parque Nacional Archipiélago
de Juan Fernández.
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