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Herausforderung Endpunkt Über den "Tanzboden des Teufels" zum Nordpol von
Michael Vogeley für AlpOnline
I - Das etwas andere Fliegen in Sibirien "Today we have minus 40 degrees" - so steht es lapidar in einem Telegramm aus Sibirien, als wir im anbrechenden Frühling Deutschland verlassen. Khatanga, die kleine Stadt mit einem großen Flughafen in den endlosen Weiten der Taiga empfängt uns eiskalt. Frische Kariboufelle baumeln steifgefroren auf einer verschneiten Teppichstange. Dahinter blinken die vereisten Kippflügel eines großen Düsenjets. Und daneben lacht General Lebed, die politische Hoffnung der Sibirier, von einem windzerzausten Wahlplakat. Für uns ist die Jägersiedlung nahe dem Kap Tscheljuskin, dem nördlichsten Punkt des Eurasischen Kontinents, nur eine Zwischenstation für unsere Expedition. Eineinhalb Tausend Kilometer nordwärts treibt eine Forschungsstation auf dem Eis - Start und Endpunkt unserer Skitour.
Die Stimme aus dem quäkenden Funkgerät berichtet wenig Ermutigendes: "Eine Landung bei der Ice Station ist momentan nicht möglich." Zäher Nebel liegt über der kalten Zeltstadt mit dem irreführenden warmen Namen: Borneo ist wieder einmal isoliert. Wir schnüren die Kapuzen enger und wappnen uns mit dem, was man in Sibirien und der Arktis am meisten braucht: Zeit und Geduld.
Es ist ein harter Wind, der an den in der Weite des gefrorenen Eismeers verlorenen aussehenden Stoffkuppeln der Station rüttelt. Eine schwarzbeflaggte Landebahn ist in das jahrealte Treibeis planiert und verliert mehr und mehr an Plastizität. Noch stellt sie ein Stabilitätswunder und ein Fanal menschlicher Kühnheit dar. Sogar schwere Düsenjets vom Typ Antonow-74 nutzen die schwimmende Piste. Mitte April ahnen wir im endlosen Tag schon den Sommer. Lange wird die Station nicht mehr existieren. Die Drift und die Temperaturen werden dem riesigen Eisstück zusetzen. Wann wird es grollend reißen? Das ist unsere Idee: Vom nördlichsten Zivilisationspunkt der Erde wollen wir aus eigener Kraft zum Pol, zu dem Punkt, "um den sich alles dreht". Wir sind die letzten Besucher in dieser Saison - und die fairsten. Der Stationskommandant ist skeptisch: "Ihr wollt es tatsächlich mit Ski probieren?" Wir bleiben eine Antwort schuldig und schreiten zur Tat. Die
berechneten 120 Kilometer sind in der Realität reine Theorie.
Müssen wir uns auf die doppelte Strecke einstellen? Oder
auf mehr? Wegen der Wasserläufe, der Eisaufwürfe, der schwierigen
Orientierung und den unvermeidbaren Umwegen? Denn ohne zu
rasten verschieben Strömungen die Schollen, die Größen deutscher
Bundesländer erreichen können - oder auch nur Tischformat. II
- Eiskalt erwischt
In acht Skitourenstunden schaffen wir nur knappe drei Kilometer Luftlinie in Richtung Ziel. Geschätzte 18 Kilometer sind wir durch Rauheis, Pulverschnee und Eisschlamm gespurt. Und im Biwak verlieren wir durch die Drift wieder zweikommafünf Kilometer. Fast eine Nullrunde. Ein Kampf mit wandernden Eisschollen, düsteren Wasserrinnen und unüberwindbaren Eiswänden bei minus 35 Grad. Es gibt keine Garantie, den magischen Punkt zu erreichen - die unberechenbare Natur ist das bestimmende Element. Gerade diese aufreizende Ungewißheit stimuliert uns. Wie viele vor uns haben es nicht geschafft, die "Schrecken des Eises und der Finsternis" (Christoph Ransmayr) erfolgreich zu bestehen? Das Terrain wird ebener. Das GPS lügt nicht: Wir haben in der letzten Stunde tatsächlich eine Bogenminute geschafft. Das ist eine nautische Meile, 1852 Meter. Hochstimmung kommt auf. Ein metallisch schimmernder Wasserlauf, "breit wie der Mississippi", gibt der Euphorie einen Dämpfer. Er wird uns wieder einige Stunden Umweg kosten. Sollen wir warten, bis das Eiswasser gefroren ist?
Der Nordpol ist der Schnittpunkt aller Zeitzonen und kennt nur zwei Tage: ein halbes Jahr Nacht, sechs Monate Tag. Am Pol, dem eisigen Mythos allen Entdeckertums, laufen alle Längengrade zusammen. Von hier aus geht es nur noch nach Süden. Im Jahr, als Kolumbus Amerika entdeckte, erfand Martin Behaim den ersten Prototyp der Erdkugel und brachte damit deren Gestalt erstmals plastisch ins Bewußtsein der Menschen. Und er weckte die Begierde, diese mathematische Fixierung zu erobern. Tigieha, der "Große Nagel", nennen ihn die Inuit weil sie glauben, daß ganz "oben" ein Eisenstück steckt. Frühere Seefahrer fürchteten, daß ihnen ein starkes Magnetfeld die Nägel aus den Planken der Schiffe ziehen würde. Werden wir die Erdachse quietschen hören? Eine Allianz des Todes und der Schönheit Eine Böe fegt Schneestaub über die beinhart gefrorenen Platten einer gefrorenen Wasserrinne. Der erfahrene Victor prüft die frisch gefrosteten Glatteisstellen mit einem Stichel auf ihre Tragbarkeit. Läuft das Wasser zu schnell in die Pickellöcher verzichten wir auf eine Überquerung der dünnen Eishaut und ziehen stundenlange Umwege einem kühlen Bad vor. Der herausragende Polarforscher Fridtjof Nansen nannte die hohe Arktis "eine Allianz des Todes und der Schönheit". Generationen von Entdeckern hat der Nordpol inspiriert. Leidenschaft, Geldgier, Ruhmessucht und Patriotismus waren die Motive für Expeditionen an der Grenze der Daseinsmöglichkeiten. Was aber treibt moderne Menschen in Regionen, in denen im Sinne des Wortes der Hintern abfriert, wenn man sich beim Stuhlgang nicht beeilt? Für Polarexpeditionen braucht es eine besondere Motivation, ähnlich der beim Bergsteigen an der Leistungsgrenze. Die tagtägliche Schinderei gehört zum Spiel des "by fair means". In diesem rotierenden Labyrinth sind wir perfekte "Eroberer des Unnützen", wie der französische Alpinist Lyonel Terray Bergsteiger titulierte. Man wischt den Schnee vom Gesicht und setzt die Sturmmaske auf, wenn der Wind auffrischt. Es ist spannend, etwas zu tun, was vorher nur wenige geschafft haben. Der Nordpol aus eigener Kraft wird nie eine touristische Spielwiese werden.
Ständig kämpfen wir um ein wenig Wärme. Als Devise gebe ich aus: "Ihr dürft nie frieren. Wer kalt ist, dem nützt auch der beste Schlafsack nichts. Der ist nichts weiter als eine flexible Thermosflasche: hält Warmes warm und Kaltes kühl." Die aufgeplusterte Kunststoffhülle ist der Schlüssel zum Wohlbefinden. Nichts jedoch hilft gegen den Wasserdampf, der am Zeltdach kristallisiert und als Eisregen auf uns rieselt. Feuchte überall: vom Kochen, vom Wasserdampf der Rinnen, vom Schwitzen, vom Atem. Beliebt ist die "Fünf-Minuten-Terrine für Abenteurer", gefriergetrocknete Fertigmenues, die mit heißem Wasser schnell ein schmackhaftes Essen ergeben. Travel Lunch hat sich auf Expeditionen bewährt. Den Beutel aufreißen, heißes Wasser drauf, umrühren, ziehen lassen, fertig. Jägertopf zum Frühstück ist der Hit. Dazu Pemmikan, das absonderliche Gemisch der Eskimos aus zerriebenem Trockenfleisch, mit Kräutern, Gewürzen und Gemüse, Talg und Fett. Eingerührt in heiße Suppe ist die Cholesterinbombe ein besonderer Genuß. Alle haben wir in der Kälte einen ungeheuren Fetthunger, Butter beiße ich vom Stück. Durst haben wir immer. Die Weithalsflasche aus Plastik mit dem gefrorenem Urin klopfen wir morgens an einem Eisblock aus. Nahrungsaufnahme und Stoffwechsel liegen eng beieinander. Zwei Aspirin pro Tag halten das Blut dünnflüssig und verringern die Erfrierungsgefahr. Wir fluchen, weil wir uns zu wenig Pfunde als Reserve angefressen haben. In der Arktis zittert man eine Speckschicht schnell ab. Noch im Schlafsack kontrolliere ich morgens das Satelliten-Peilgerät. Wie war die Drift der vergangenen Stunden? Gelassen rechne ich nach, daß wir in der "Nacht" ein Drittel unseres mühsam erkämpften gestrigen Etmals verloren haben und nach Südwesten getrieben wurden. "Hamsterlaufrad" nennen wir den enervierenden Effekt. Er ist völlig normal. Trügerische
Nachtruhe. Ich krieche aus dem Zelt - und starre in einen
bleifarbenen Wasserlauf. Im Gegensatz zum Seehund, der mich
mit blanken Augen neugierig mustert, bin ich überhaupt nicht
ruhig. Lautlos hat sich die Scholle 20 Meter vom Zelt gespalten.
Heftig rotieren die Gedanken: Was wäre gewesen, wenn sich
das Eis unter dem Zelt gesprengt hätte? Im minus zwei Grad
kalten Wasser bleiben nur wenige Minuten zum Überleben.
Und naß auf dem Eis sind die Chancen gleich null. Der Anblick
ist ein eisiger Wachmacher. Wir sind wieder einmal von Wasserrinnen
umzingelt. III - Der ganz normale Wahnsinn Coole Kilometer. Je zwei bilden eine Gruppe und pullen ihre Überlebenseinheiten durch körnigen Triebschnee, der heute die Konsistenz von Sand hat. Alle sind wir - oft seit Jahrzehnten - aktive Bergsteiger. Gerhard Schmatz stand auf dem höchsten Berg der Erde, dem Mt. Everest. Andere haben Sechs- und Siebentausender erklettert. Jeder hat durch viele Jahre Alpinismus Erfahrungen mit den Grenzen der eigenen Psyche und Physis gesammelt. Einige haben sich in die Form ihres Lebens gepusht. Die körperliche Fitness ist selbstverständliches Element einer Expedition am Limit, doch wahrhaftig nicht alles. Eine stabile Psyche und mentale Einstellung sind mindestens ebenso wichtig.
Wir sind dabei, die Vertikale der Berge in die Horizontale des Packeises zu verlegen. Den Nordpol kann man im Sommer auch anders erreichen. Es gilt als schick, ein Gläschen Schampus am Endpunkt zu trinken - eingeflogen oder mit einem Atomeisbrecher hingefahren. Beim Spiel des "by fair means" rückt jedoch der Stil in den Vordergrund. Nur wenigen war der Erfolg vergönnt, aus eigener Kraft den Pol zu erreichen. Für Bergsteiger ist es ein verwegener Gedanke, auf Treibeis zu touren und nicht auf einem Gletscher, sondern durch eine erstarrte, bizarre, reine Schönheit von schier grenzenloser Weite. Einem immerwährenden, buchstäblichen "Weißen Fleck" auf der Landkarte. Wir 15 Männer stehen mit beiden Beinen fest auf dem Boden - und der ist nur drei Meter dick und will unbedingt mit uns nach Südwesten. Diese Tretmühle ist das, was man in der hohen Arktis fürchtet. Es gibt keinen geradlinigen Weg auf dem Packeis. An jedem Tag bisher war es ein Zickzack-Kurs. Der Tanzboden des Teufels Das Gelände ist eine Mischung aus winderodierten Eisgestalten, Sastrugies, und Wasserläufen, Leads. Und gigantischen Eiswürfeln, Hummoks, die sich bei Pressungen der Eisschollen aufpilzen. Welche unheimliche kinetische Energie wird frei, wenn die enormen Schollen aufeinanderstoßen und Aufwürfe von zyklopischen Ausmaßen entstehen? Es war Amundsen, der für solch rauhes Gelände die Metapher vom "Tanzboden des Teufels" prägte. Wie standen das die Pioniere durch? Ohne eine Ahnung, was vor ihnen liegt, ohne Gewissheit, ob sie das Hunderte Kilometer entfernte Festland je wieder erreichen? Unsere große Hochachtung vor den Protagonisten wächst weiter.
Von Inuit erzählt man, daß sie "zwischen den Ohren einen Computer haben". Ihr natürlicher Instinkt ist dem Orientierungssinn eines denaturierten Mitteleuropäers weit überlegen. Die Navigation in der Eiswüste ist für uns nicht einfach. Wenn die Sonne besonders aktiv ist, wirbeln Magnetstürme, und bringen den Kompaß zum Spinnen. Unsere aktuelle Mißweisung ist wegen des nahen Magnetpols mit 100 Grad Ost berechnet! Irritiert stellen wir fest, daß die Nadel der Bussole nach Süden oder Osten zeigt oder auch tanzt. Die Sonne ist unser wichtigstes Navigationsmittel. Der eigene Schatten ist die beste Kompaßnadel: Orientierung nach Pfadfinderart. Wenn "der Planet" von Wolken und Dunst verdeckt ist, hilft nur der Instinkt. An
einem wolkenverhangenen Tag herrscht deshalb auch Chaos.
"Lagerspuren!" brüllt Fridel ungläubig, als er einen
Eiskamm umrundet. Hat eine andere Expedition, in dieser
Mondlandschaft biwakiert? Ist der unglaubliche Zufall eingetreten,
Menschen in dieser endlosen Einöde zu treffen? In der Arktis
gibt es keine Zufälle. Wir sind im Kreis gegangen.
90 Grad Nord sind nicht greifbar Am Mittag des 28. April sind wir nach einem Gewaltmarsch noch lächerliche vier Kilometer vom Ziel entfernt. Zuhause wären das beim Lauftraining keine zwanzig Minuten, auf dem Treibeis herrschen jedoch andere Gesetze. Das Gelände ist katastrophal. Trotzdem hochmotiviert beschließen wir: "Wir ziehen durch!" Das Ziel ist vor Augen - und doch nicht da. Nach neun Stunden Eischaos wühlen wir unter der Persenning das GPS hervor. Ich stecke es unter den Anorak und wärme es am straff gewordenen Bauch. Es braucht fünf Minuten, bis genügend Satelliten "eingefangen" sind. Noch 400 Meter. Gespannt spuren wir durch das milchige Licht des aufziehenden Schlechtwetters. Noch 200 Meter, dann wieder 600. Wir stehen auf dem Dach der Welt, die einen Umfang von etwa 40 000 Kilometern hat. Das sind vierzig Millionen Meter! Was bedeuten in Anbetracht dieses gewaltigen Umfangs 200 Meter? Der Punkt unserer Phantasie ist ganz nahe, trotzdem nicht greifbar und auf einige Meter nicht bestimmbar. Ich verkünde final: "Wir sind da!" Ins Tagebuch tragen wir ein: 89 Grad, 59 Minuten, 31 Sekunden, 28. April, 18.52 Uhr. Höhe Null Meter.
Die
Dramaturgie ist filmreif. Fünf Minuten nach der Begegnung
mit dem Endpunkt wütet ein Blizzard. Die Zelte aufzuschlagen
wird zur Gruppenleistung. Noch einmal zeigt sich, daß in
dieser Wildnis nur ein starkes Team Erfolg hat. 40 Stunden
liegen wir in den flatternden
Zelten und driften mit "unserer" Scholle 15 Kilometer
nach Süden. Information
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